Interview zum Fachtag 2026

Spannende Themen, fachliche Impulse und inspirierende Begegnungen erwarten Sie bei unserem Fachtag „Gewitter im Kopf“. Über das abwechslungsreiche Programm mit vielen Highlights und warum Sie die Veranstaltung auf keinen Fall verpassen sollten, erfahren Sie hier im Interview mit Ilka Gerigk, Einrichtungsleitung der Alexianer ViaNobis Eingliederungshilfe und Leonhard Horrichs, Koordinator Pädagogische Fachberatung.

Der Titel des Fachtags zitiert Nicole Lowis mit „Gewitter im Kopf“. Wer ist Nicole Lowis und was bedeutet die Aussage „Gewitter im Kopf“? 

Ilka Gerigk: „Nicole Lowis ist eine Klientin, die bei uns, der Alexianer ViaNobis Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung und Autismus, in einem geschützten Bereich lebt. Sie ist ein sehr liebenswerter und sehr umgänglicher Mensch. Gleichzeitig gibt es immer wieder Situationen, in denen sie Dinge tut, die für ihr Umfeld zunächst schwer nachvollziehbar sind: Sie zerstört Gegenstände, verletzt sich selbst oder reagiert mit starken Wutausbrüchen. Sie zeigt herausfordernde Verhaltensweisen. 

Nicole kommt mich regelmäßig besuchen. Dann sprechen wir auch über das, was passiert ist. Rückblickend sagt sie häufig: ‚Ach, da hatte ich wieder ein Gewitter im Kopf.‘ 

Dieser Satz ist uns in der Planung des Fachtags im Gedächtnis geblieben. Er beschreibt auf eindrückliche Weise das innere Erleben, das hinter herausforderndem Verhalten stehen kann. Deshalb war schnell klar, dass ‚Gewitter im Kopf‘ ein passender Titel für den diesjährigen Fachtag ist.“

 

Was bedeutet dieses Bild „Gewitter im Kopf haben“ für Sie? 

Leonhard Horrichs: „Für mich beschreibt das Bild sehr treffend, was viele Menschen mit herausforderndem Verhalten erleben: Gefühle, Emotionen und äußere Einflüsse bauen sich nach und nach auf. Anforderungen, Reize oder belastende Situationen können dazu führen, dass die innere Anspannung immer größer wird. Wie bei einem Gewitter schaukelt sich alles hoch, bis es sich schließlich entlädt.“

lka Gerigk: „Nicole beschreibt das selbst sehr bildlich: ‚Es ziehen Wolken auf. Man merkt schon, dass es dunkler wird. Irgendwann knallt es – und danach wird es wieder ruhiger.‘.

Genau deshalb befindet sich das Gewitter in unserer Grafik auch im Kopf. Es entsteht zunächst im Inneren. Von außen ist oft nicht sichtbar, was in dem Menschen gerade vorgeht. Erst wenn sich die Anspannung entlädt, wird sie für das Umfeld erkennbar.“

 

Und wie ist das Bild des Gewitters im Kontext Ihrer Arbeit zu bewerten?

Ilka Gerigk: „Es gibt Gewitter, bei denen man merkt, dass sie unumgänglich sind. Das erleben wir auch bei Menschen mit herausforderndem Verhalten. Jedes ‚Gewitter‘ verläuft anders. Wenn wir die Signale früh wahrnehmen, können wir häufig noch reagieren - dann sind die Situationen noch lenkbar. Aber es gibt eben auch die Momente, in denen der Ausbruch nicht aufgehalten werden kann. Dann muss man ihn zulassen. Im Hinblick auf die pädagogische Arbeit ist es wichtig, den Menschen genau in diesem Zeitpunkt zu begleiten.“

Leonhard Horrichs: „Da ist das Wir besonders wichtig. Der Mensch mit herausforderndem Verhalten und der Mitarbeitende gehen gemeinsam durch dieses ‚Gewitter‘. Dieses gemeinsame Durchstehen stärkt die Beziehung und wirkt sich positiv auf die weitere Zusammenarbeit aus. Besteht eine vertrauensvolle Beziehung, gelingt es vielen Menschen im Nachhinein, die Auslöser ihres Verhaltens zu benennen – während des ‚Gewitters‘ selbst ist ihnen das jedoch meist nicht möglich.“

 

Der Untertitel spricht von „Verhalten, das Menschen herausfordert“.
Was meinen Sie damit? 

Leonhard Horrichs: „Herausforderndes Verhalten kann sich ganz unterschiedlich zeigen: Lehrbuchbeispiele sind Wutausbrüche, Rückzug, Spucken, Schlagen, Selbstverletzung, Arbeitsverweigerung und vieles mehr. 

Entscheidend ist: Dieses Verhalten fordert das Gegenüber heraus, darauf zu reagieren. Wie genau das erlebt wird, ist dabei immer individuell.“

Ilka Gerigk: „Gemeint ist Verhalten, das von dem abweicht, was wir gesellschaftlich als ‚normal‘ kennen und gewohnt sind. Wichtig ist dabei: Hinter diesem Verhalten steckt häufig eine Überforderung oder ein Frusterleben, das der betroffene Mensch in diesem Moment nicht selbst regulieren kann.“

 

Fordert das Verhalten immer nur das Gegenüber heraus oder ist es auch für die Menschen, die die Situation selbst erleben, herausfordernd?

Ilka Gerigk: „Nein. Herausforderndes Verhalten ist immer auch für den Menschen selbst belastend. Es geht oft mit einer großen inneren Anspannung einher und kann dazu führen, dass sich Betroffene selbst schaden. Ich kenne niemanden, der bewusst herausfordernd sein möchte. Deshalb ist es wichtig, den Menschen hinter dem Verhalten zu sehen.“

 

Welche besondere Verantwortung tragen Mitarbeitende im Umgang mit Menschen mit herausforderndem Verhalten?

Ilka Gerigk: „Mitarbeitende bewegen sich täglich in einem Spannungsfeld. Sie sind selbst Menschen mit Emotionen und erleben herausfordernde Situationen. Gleichzeitig dürfen sie das bestehende Machtgefälle nie aus dem Blick verlieren. Gerade in geschützten Wohnbereichen gibt es Situationen, in denen Fachkräfte Entscheidungen für Menschen mit herausforderndem Verhalten treffen müssen.

Ein Beispiel ist die Einteilung von Zigaretten. In dem Moment entsteht automatisch ein Machtgefälle, mit dem sehr verantwortungsvoll umgegangen werden muss. Menschen mit herausforderndem Verhalten können ihren Zigarettenkonsum häufig nicht selbst steuern. Ohne Unterstützung wären die Zigaretten oft schon nach kurzer Zeit aufgebraucht, was zu großer Anspannung und schließlich zu einem ‚Gewitter‘ führen kann. Durch die strukturierte Einteilung lassen sich solche Situationen häufig vermeiden oder zumindest abmildern – und der Mensch kann in dieser Phase besser begleitet werden.“

Leonhard Horrichs: „Deshalb ist es wichtig, die eigene Rolle, die damit verbundenen Aufgaben und Verantwortung immer wieder zu hinterfragen. Wo haben wir Handlungskompetenz und wo nicht. 

Das Machtgefälle darf nicht dem Zufall überlassen werden – ein professioneller und reflektierter Umgang damit ist entscheidend.“

 

Welche Haltung hilft Mitarbeitenden im Umgang mit herausforderndem Verhalten – und wie werden sie dabei unterstützt?

Leonhard Horrichs: „Für uns gilt: Verhalten hat immer einen guten Grund. Die Aufgabe von den Mitarbeitenden ist es, diesen herauszufinden und nicht nur auf das Verhalten zu reagieren. 

Deshalb setzen wir auf regelmäßige Qualifizierungen – von der Fachkraftausbildung über verpflichtende Deeskalationstrainings bis hin zu Grundlagenschulungen zum Thema herausforderndes Verhalten. Auch die emotionale Entwicklung der begleiteten Menschen spielt dabei eine wichtige Rolle.“

Ilka Gerigk: „Zusätzlich unterstützen regelmäßige Supervisionen und unsere pädagogischen Fachberater*innen die Teams. Sie helfen dabei, schwierige Situationen gemeinsam zu reflektieren und neue Handlungskompetenzen zu entwickeln.“

 

Welche Motivation steckt hinter der Thematik zu diesem Fachtag?

Ilka Gerigk: „Die Arbeit mit Menschen mit herausforderndem Verhalten begleitet mich schon seit vielen Jahren und liegt mir besonders am Herzen. Ich finde dieses Arbeitsfeld unglaublich spannend, weil es pädagogisch sehr vielseitig ist und großes Entwicklungspotenzial bei der Begleitung zu sehen ist. Außerdem ist herausforderndes Verhalten neben dem Autismus-Spektrum einer unserer fachlichen Schwerpunkte. Deshalb war es für uns die logische Konsequenz, diesem Thema einen eigenen Fachtag zu widmen. Kurz gesagt: Ich brenne für dieses Thema.“

 

Was erwartet die Gäste und worauf dürfen sie sich freuen?

Leonhard Horrichs: „Die Teilnehmenden erwartet eine gelungene Mischung aus fachlichem Input und praxisnahen Impulsen. Mit Prof. Dr. päd Georg Theunissen konnten wir einen international anerkannten Experten gewinnen, der seit vielen Jahren zu herausforderndem Verhalten forscht und arbeitet. Ergänzt wird das Programm durch Jolande Gröflin Corneliussen, die den Low-Arousal-Ansatz vorstellt und zeigt, wie herausforderndes Verhalten deeskalierend und wertschätzend begleitet werden kann. 

Beide Vorträge verbinden Theorie und Praxis. Denn am Ende sind wir als Fachkräfte das wichtigste Werkzeug. Die Impulse der Referierenden geben den Teilnehmenden konkrete Ansätze und neue Perspektiven für den Umgang mit Menschen mit herausforderndem Verhalten – und genau das macht diesen Fachtag besonders wertvoll.“


Was möchten Sie den Teilnehmenden schon vorab mit auf den Weg geben?

Ilka Gerigk: „Es lohnt sich, dabei zu sein. Der Fachtag bietet spannende fachliche Impulse und zeigt, mit wie viel Herzblut und Professionalität die Alexianer ViaNobis Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung und Autismus arbeitet. Wir freuen uns auf den gemeinsamen Austausch und laden alle Interessierten herzlich ein, Teil davon zu sein.“