Fachtag 2026
„Gewitter im Kopf.“ Nicole Lowis
Verhalten, das Menschen herausfordert.
Zwischen Donner, fachlichem Input und Einblicken in das Leben mit herausforderndem Verhalten
Über 350 Gäste besuchten den Fachtag der Alexianer ViaNobis Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung und Autismus.
Am 8. Oktober fand im Energeticon in Alsdorf ein spannender Fachtag mit dem Titel „Gewitter im Kopf. Verhalten, das Menschen herausfordert.“ statt.
Mehr als 300 Teilnehmende vor Ort und circa 100 Teilnehmende im Livestream – darunter Fachkräfte der Eingliederungshilfe, gesetzliche Betreuerinnen und Betreuer, Mitarbeitende aus der Pflege, Angehörige und Betroffene – nahmen an der Veranstaltung der Alexianer ViaNobis Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung und Autismus teil.
Nach der offiziellen Begrüßung durch Martin Minten, Verbundgeschäftsführer der Alexianer, sprach Jürgen Dusel, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen und Schirmherr der Fachtagung. Sein Grußwort ließ keinen Zweifel daran, dass die aktuellen politischen Debatten über Reformen in der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Eingliederungshilfe Dusel sehr beschäftigen. Dabei betonte er, dass Menschen mit Behinderungen und insbesondere die Personengruppe mit herausforderndem Verhalten im politischen Diskurs nicht vergessen werden dürften. „Denn auch für sie“, so Dusel, „gilt selbstverständlich das Versprechen unserer Demokratie: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Jeder hat das Recht auf Entfaltung seiner Persönlichkeit und niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“
Wenn Donner den Alltag hörbar macht
Nach den beeindruckenden Worten Jürgen Dusels bleibt die Bühne zunächst leer. Donner ertönt aus den Lautsprechern, bis schließlich eine Stimme zu hören ist, die Vorfälle aus der täglichen Begleitung von Menschen mit herausforderndem Verhalten wiedergibt – allesamt dokumentiert in den Wohngruppen und weiteren Bereichen der Alexianer ViaNobis Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung und Autismus selbst.
Dass die geschilderten Situationen vielen Teilnehmenden durchaus vertraut zu sein schienen, war an dem zustimmenden Nicken vieler Köpfe zu erkennen. Die exemplarischen Schilderungen machten eindrucksvoll deutlich, wie herausfordernd der Alltag für alle Beteiligten sein kann.
Fachliche Impulse und neue Perspektiven
Den fachlichen Auftakt gestaltete Prof. Dr. päd. Georg Theunissen mit seinem Vortrag zur positiven Verhaltensunterstützung. In diesem verdeutlichte er, wie wichtig es ist, herausforderndes Verhalten nicht isoliert zu betrachten, sondern im jeweiligen Kontext zu verstehen und als Ausdruck individueller Bedürfnisse zu begreifen.
Am Nachmittag wurde es interaktiv: Jolande Gröflin Corneliussen, klinische Psychologin, stellte den Low Arousal-Ansatz vor. Mit zahlreichen Mitmach-Aufforderungen bezog sie die Teilnehmenden aktiv ein und sorgte für eine offene und lebendige Atmosphäre. In ihrem Vortrag erläuterte die Referentin aus Dänemark sowohl theoretische Grundlagen als auch Methoden für einen de-eskalierenden und wertschätzenden Umgang mit herausforderndem Verhalten gleichermaßen. Zugleich regte sie dazu an, die eigenen Annahmen und Grundhaltungen in diesem Zusammenhang kritisch zu hinterfragen.
Persönliche Einblicke zum Abschluss
Gänsehaut und das eine oder andere feuchte Auge gab es zum Abschluss des Fachtags: Ilka Gerigk, Einrichtungsleitung der Alexianer ViaNobis Eingliederungshilfe, und Nicole Lowis, Klientin der Einrichtung, kamen zu einem kurzen Gespräch auf der Bühne zusammen. Auf sympathische und authentische Weise griffen die Beiden den Titel der Veranstaltung auf und ermöglichten dem Publikum einen persönlichen Einblick in das Leben eines Menschen mit herausforderndem Verhalten.
Die Fachvorträge der Referierenden, die Beispiele aus der Praxis und die sehr persönlichen Einblicke boten Raum für einen intensiven fachlichen Austausch. Am Ende der rundum hochqualitativen Fachveranstaltung zeigte sich Ilka Gerigk zurecht äußerst zufrieden: „Wir sind begeistert, auf welch großes Interesse unsere Fachtagung gestoßen ist. Es ist sehr eindrucksvoll, wie viele Menschen sich mit dem Thema auseinandersetzen möchten. Die große Resonanz zeigt, wie wichtig es ist, über herausforderndes Verhalten zu sprechen, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam Wege zu finden, Menschen mit Unterstützungsbedarf besser zu verstehen und zu begleiten.“
Dozenten
Vortrag: Perspektiven zum Umgang mit herausforderndem Verhalten – Positive Verhaltensunterstützung
Herausfordernde Verhaltensweisen bei autistischen und kognitiv beeinträchtigten Menschen stellen für viele Mitarbeiter*innen in der Behindertenhilfe, aber auch für Eltern oder Angehörige eine große Belastung dar. Daher bedarf es eines tragfähigen, nachweislich wirksamen Konzepts zum Umgang mit herausforderndem Verhalten. Ein solches Konzept bietet die Positive Verhaltensunterstützung (PVU).
Aufbauend auf einer Einführung in das Thema Herausforderndes Verhalten führt der Vortrag in die Grundzüge und Arbeitsschritte der PVU ein. Zunächst wird unter Berücksichtigung von Autismus das Verständnis von herausforderndem Verhalten reflektiert, so dass eine "verstehende Sicht" entwickelt werden kann. Anschließend wird die PVU-Konzeption vorgestellt, die drei Präventions- und Interventionsstufen betrifft (alltägliche Situationen/ Alltagsarbeit, gruppenbezogene Maßnahmen, Einzelhilfe). Kernstück der Einzelhilfe ist die “verstehende Diagnostik”, die es im Rahmen eines Unterstützungskreises aufzubereiten gilt. Zudem spielt die Stärken-Perspektive Wegweiser der PVU für angemessene Unterstützungsleistungen eine zentrale Rolle. Anhand von Beispielen aus der Praxis werden Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt, die zur Umsetzung der PVU anregen sollen.
Vortrag: Der Low Arousal-Ansatz: Ein de-eskalierender und wertschätzender Umgang mit herausforderndem Verhalten
In diesem Vortrag werden einerseits ein theoretischer Rahmen und Methoden zu einem de-eskalierenden und wertschätzenden Umgang mit herausforderndem Verhalten, und anderseits unsere eigenen Annahmen und Grundhaltung zu solchem Verhalten angesprochen. Es wird aufgezeigt, wie wir Konflikte de-eskalieren und vorbeugen können, indem wir eigene Reaktionen ändern und unsere Anforderungen an die betreuten Menschen anpassen. Dabei streben wir weiterhin nach einem ihnen angemessenen Stress- und Erregungszustand und unterstützen eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Einfache Übungen dazu erlauben uns, die Wirkung des Ansatzes zu erfassen.